Donnerstag, 20. Juni 2019

Von Hunden, Kindern und Gesellschaft...

Der Himmel ist grau, es regnet, ein Tag der sich super eignet, um mal wieder einen Blog Beitrag zu schreiben. Dieses Mal wird es etwas gesellschaftskritisch und ja, vielleicht auch ein wenig philosophisch angehaucht. Dieses Thema schwirrt schon einige Zeit in meinem Kopf rum und ich denke, es ist Zeit, es zu „Papier“ zu bringen.

 

Hunde, Kinder und die Gesellschaft

 

Wie meistens begannen auch die Gedanken zu diesem Blog Beitrag mit einer Begegnung in meinem Alltag. Zufällig beobachtete ich eine Szene zwischen Eltern und ihren 2 Kindern (die beiden Mädchen waren vielleicht 2-4 Jahre alt). Die Kinder tobten und spielten auf einer Wiese. So wie man sich das vorstellt: unbefangen, einfach weil ihnen danach ist. Doch die Eltern störten diese wichtige Erfahrung quasi im Sekundentakt. Aurora, du darfst nicht über deine Schwester Rollen – Aurora, pass auf da ist ein Baum – Charlotte, nicht so schnell – Aurora, mach langsam mit deiner Schwester – Charlotte du bekommst jetzt kein Brot mehr, die Essenszeit ist um ...

Irgendwann rief das ältere Mädchen ihrer Schwester zu, sie solle ihr beim Kopfstand helfen. Die Schwester stapfte heran und die Mutter unterbrach: Das ist kein Kopfstand, das ist ein Handstand, Aurora du kannst gar keinen Kopfstand. Das Mädchen rief wieder ihre Schwester und machte weiter mit der „Kopfstand“ Übung, begleitet von Belehrungen der Mutter. Eines der Kinder zog sich dann später die Schuhe aus und die Mutter verbot das direkt und meinte, das Kind müsse draussen schließlich Schuhe tragen, das gehöre sich so.

 

Ich habe die Szene dann verlassen.

 

Wenige Tage später kam ich an einen See – wobei vielleicht war es auch eher ein Tümpel. Dort fand ich gleich 2 große Schilder:

 

 

Schwimmen verboten

Spielzeugboot fahren verboten

Grillen verboten

Wasser entnehmen verboten                                   Achtung Gefahr!

Tiere baden verboten                                                Kein Aufsichtspersonal – baden verboten!

Hunde auf der Wiese verboten

Segelboot fahren verboten

 

 

Ich glaube atmen war an diesem Gewässer gestattet, ganz sicher bin ich mir jedoch nicht...

In meinem Kopf wurden diese beiden Begegnungen dann immer mehr zu dem, was ihr nun lesen werdet.

 

Habt ihr euch auch schon mal gefragt, warum es so viele Regeln, Verbote und Vorschriften gibt? Vor allem auch solche, die uns vielleicht völlig irre erscheinen? 
Ich denke mir dann immer, ok, irgendwer muss es mal getestet haben. Ok, man will vielleicht verhindern, dass der Nächste den gleichen Fehler macht - vielerorts glaubt man wohl mit möglichst vielen Vorschriften möglichst viele Dinge ausschließen und regeln zu können, nur nichts dem Zufall überlassen! 

 

Nach der Begegnung mit Charlotte und Aurora frage ich mich aber auch immer mehr, ob wir denn inzwischen überhaupt noch ohne diese Vorschriften und Verbote, die uns wie ein Leitplanken in der Spur halten, „lebensfähig“ sind ? 

 

Viele Kinder sind mit solch einem Korsett an Regeln groß geworden, dass sie nie gelernt haben, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Fehler zu machen, Konsequenzen für Handlungen zu erfahren. 

Stellt euch ein Schwimmbad vor. Doch die Kinder erfahren nie, wo die Begrenzung des Beckens ist, weil immer bevor sie dorthin kommen, schreitet jemand ein uns lenkt sie um. Sie leben also irgendwo in dieser unsteten Mitte – ohne Ecken und Kanten. Sie werden der Option Erfahrungen zu machen regelrecht beraubt. Ergänzt wird das Ganze durch immer mehr Bespassung und eine möglichst maximierte Wunscherfüllung. Das Resultat sind Jugendliche und Erwachsene bei denen „ich will“ als Ziel und Priorität festgelegt ist. Was das für ihre Umwelt heisst, ist dabei erst mal nicht von Belang.

Dazu kommt, dass alle Erziehungsmethoden durch andere Eltern, soziale Medien und sonstige „Profis“ täglich mit hochgezogenen Augenbrauchen und erhobenem Zeigefinger auf dem Prüfstand stehen – wehe dem, der einen „Fehler“ begeht! Die Angst Fehler zu machen, die Angst vor Repressalien durch Andere und die Angst seine Kinder zu verziehen sind enorm und der Druck steigt immer mehr. Dieser Druck wird dann kompensiert, indem man das Korsett der Regeln enger schnürt und die Leitplanken noch etwas dichter an die Straße setzt, damit das Kind ja nicht vom Weg abkommen kann. 

 

Was wir bei all dem Korsett und Leitplanken- Plan jedoch vergessen, ist unser Bauchgefühl. Wir verlieren uns irgendwo zwischen Strategien, Lehrplänen, Musterbeispielen und Richtlinien und dabei verlieren wir auch immer mehr unseren gesunden Menschenverstand. Der Menschenverstand der uns sagt, dass Kinder auch mal hinfallen und sich weh tun dürfen, dass Kinder auch mal grob untereinander sind und das das mindestens genau so wichtig für ihre Entwicklung ist, wie all die theoretischen Ansätze. Denn nein, früher war nicht alles besser, aber unendlich viele Generationen von Menschen sind auch ohne FB-Foren, engstirnige Leitplanken und DEN einen richtigen Ansatz groß geworden.

Wie wäre es denn mit einem Mittelweg? 

 

Aber in einer Generation in der Extreme und Pervertierungen zum guten Ton gehören scheint es nur schwarz und weiß zu geben und jeder strebt hierbei nach noch mehr Perfektion und vergrössert damit den Krater zwischen Beidem und die Entfernung zum Mittelweg. 

 

So und nun bin ich ja keine Pädagogin sondern Hundetrainerin (was zwar auch ein pädagogischer Beruf ist aber ja).
Was hat das also alles mit Hunden zu tun?

 

In den letzten Jahren, gibt es auch in der Hundewelt immer häufiger diese Extreme. Hunde sind Kulturfolger. Sie sind Spiegelbilder unserer Gesellschaft. Sie haben inzwischen ADHS und Burnout. Sie sind nicht dick sondern haben Adipositas – natürlich krankheitsbedingt. Sie sind gleichberechtigte Familienmitglieder, Sozialpartner, Kindersatz, Partnerersatz, Freizeitgestalter. Jeder 3. ist der Meinung, dass es nur DEN EINEN (seinen) Weg gibt, den Hund zu erziehen. Hardliner aus der ganz grünen und der ganz roten Fraktion lungern an jeder Ecke, genau wie Frau Müller/Maier/Schmidt von nebenan die uns jeden Tag erzählt, was wir bei der Erziehung unseres Hundes denn besser machen könnten und natürlich darf man auch die mannigfaltige Auswahl an Fachpersonal im Netz nicht ausser Acht lassen...

 

Doch immer mehr Hundehalter haben leider das kleine 1x1 des Benehmens vergessen oder nie gelernt (Generation Aurora /Charlotte lässt grüssen) und so stapfen sie durch den Alltag, ohne Rücksicht auf Verluste. Schließlich wollen sie, dass es ihr Hund gut hat! Ob das den Anderen gefällt ist erst mal zweitrangig. Bei Verboten wird laut geschimpft, der Grund warum es diese gibt ist ihnen völlig schleierhaft und überhaupt müssen sie gleich wieder los, denn das Yoga-Mensch-Hund Seminar startet in 30 Minuten.

 

On top ist unsere Zeit auch noch so schnelllebig, dass sich die wenigsten die Mühe machen in einer Situation zu verharren und darüber nachzudenken oder gar ein bisschen Selbstreflexion zum betreiben. Zerstreuung wartet schließlich an jeder Ecke und später in den sozialen Netzwerken kann ich mich ja dann noch kurz über die komische Begegnung auslassen und dafür noch ein paar Likes für mein Ego einstreichen. 

 

Auroras und Charlottes gibt es nicht nur mit 2 sondern auch mit 4 Beinen!
Sie teilen das gleiche Schicksal. Sie dürfen sich nicht selbst ausprobieren. Raufen ist verpönt, Aggression gilt als ein Zeichen von Versagen des Hundehalters und nicht als völlig natürlich (was es eigentlich ist! Es gehört zum Leben eines Hundes dazu), zudem muss der Hund möglichst immer folgen und alle Signale sofort und aus dem FF umsetzt. 

Doch die zweibeinigen Auroras und Charlottes haben den Vierbeinigen etwas voraus: sie sind Menschen. Sie können irgendwann selbst reflektieren und haben eine Chance, aus dem Ganzen heraus zu kommen und dennoch vernünftige Entscheidungen zu treffen.
Bei Hunden ist das Blatt ein Anderes. Sie leben als Gäste in unserer Menschenwelt. Sie sind Fremde und sie sind auf unsere Führung angewiesen. Jedoch nicht auf eine Führung mit Dauerkorsett sondern auf eine sinnvolle, faire und angemessene Führung. Sie werden auch niemals gleichberechtigt sein. Wir entscheiden, wann unser Hund frisst, schläft, Sozialkontakte hat. Wir debattieren mit unserem Hund nicht über die Wahl des Mittagessens oder über die Freizeitplanung, wir entscheiden über nahezu alles was unser Hund tut. Denn Hunde mögen zwar Familienmitglieder sein - sie dürfen auch Kindersatz oder Partnerersatz sein aber nur, wenn man ihnen dennoch zugesteht, dass sie sind was sie sind, sie sind Hunde und keine Menschen! Aber auch hier ist die Angst groß. Die Angst zu versagen, etwas nicht richtig zu machen oder von anderen schief angeschaut zu werden. Doch genau diese Angst hindert euch daran, auf euer Bauchgefühl zu hören. 

 

Was ich euch mit diesem Text sagen möchte?
Geht nicht den Weg der Extreme, geht nicht den Weg der Anderen. Geht euren Weg. Hört auf euer Bauchgefühl. Reflektiert euer Zusammenleben und euer Training mit eurem Hund. Holt euch kompetenten Rat aber lasst euch nicht von jedem verunsichern. 
Es ist in Ordnung Fehler zu machen, niemand ist perfekt und auch euer Hund wird euch Fehler verzeihen.
Ihr werdet zusammen aus Fehlern lernen, zusammen wachsen und zusammenwachsen
Und nachdem dieser Text nun (zur Selbstreflextion) nach einigen Tagen nochmals überarbeitet wurde möchte ich gerne noch einen Satz anfügen, von einer tollen Trainerin, die ich kürzlich kennen gelernt habe: Es ist besser, einen Fehler zu machen und daraus zu lernen, als gar nichts zu tun, in der Angst, einen Fehler zu machen.

 

© 6/2019 Helga Fischer - Dieser Beitrag darf verlinkt und kopiert werden sofern er unverändert bleibt und eine Verlinkung auf diese Homepage hinzugefügt wird.

Bild: Der völlig erschöpfte Chihuahua, dem 15 Stunden Schlaf am Stück immer noch zu wenig sind :D 

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